Ausgangssperre in Versailles - Tag 2

Was hat sich verändert?

Mich haben gestern viele berührende Nachrichten erreicht. Aus diesem Grund möchte ich auch heute meine Gedanken mit euch in Deutschland teilen. 

Ich möchte euch beruhigen. Die Ausgangssperre steht. Es ist sehr ruhig geworden auf den Straßen. Ungewohnt ruhig für eine Stadt mit rund 80.000 Einwohnern. Man hört deutlich die Vögel zwitschern. In der Ferne ein paar Kinderstimmen. Gefühlt ist die Hälfte der Bevölkerung ausgeflogen. 

 

Mit einem Passierschein darf man nach draußen. Gestern Abend bin ich zum Walken gegangen. Sportliche Aktivitäten, die man alleine durchführt, sind erlaubt. Auch hier grüßt man auf Distanz, aber sehr freundlich. Das hat sich verändert. Normalerweise ist es hier in Versailles weniger üblich, sich zu grüßen. Man hält Abstand und verhält sich reservierter. Ich musste mich anfangs erst daran gewöhnen und freue mich, das man sich heute in die Augen sieht.

 

Ich frage mich, wie es den Menschen gehen mag, die in Quarantäne sind. Sie sind regelrecht an zu Hause gebunden und dürfen dieses nicht verlassen. Wir selbst haben zumindestest die Möglichkeit, auf dem Balkon die herrliche Frühlingssonne zu genießen. Ich habe das Gefühl, sie will uns mit ihrer Wärme streicheln und unsere Herzen wärmen. Vorbei sind die Regentage mit langanhaltenden Sturmböen. Wir brauchen Sonne heute umso mehr, denn Vitamin D hebt die Stimmung. Doch was machen Menschen in Quarantäne ohne Balkon und Garten? Sitzen sie am offenen Fenster? Ich habe Hochachtung vor all den Menschen, die es nicht so komfortabel haben. 

Rituale geben Sicherheit

Gerade in Ausnahmesituationen wie die der Ausgangssperre erlebe ich, wie wichtig Tagesroutinen sind. Wenn der äußere Rahmen sich verändert, könnte es passieren, dass man in Lethargie verfällt. Mittwochs ist im Nachbarort Le Chesnay immer Wochenmarkt. Le Chesnay grenzt direkt an Versailles. Wie sonst auch, gehe ich mit meinem Einkaufswägelchen los. So wie immer. Nein, fast. Ich habe den Passierschein und meinen deutschen und französischen Ausweis dabei. 

 

Ich habe mich gefragt, was mich erwarten würde, nachdem gestern so viele Regale im Supermarkt leer waren. Diese Leere konnte ich mir erklären. Durch den Lockdown müssen sich die Versailler den ganzen Tag zu Hause versorgen. Normalerweise geht man gern ins Lokal zum gemeinsamen Essen. 

 

Das Markttreiben ist ruhiger. Es sind nicht nur weniger Verkäufer sondern auch weniger Besucher vor Ort. Die Menschen verhalten sich rücksichtsvoll. Man hält Abstand, auch beim Schlange Stehen. Man hat das Gefühl, dass etwas in der Luft liegt neben dem Frühlingsduft, gemischt mit dem Geruch von Fisch und gegrillten Hähnchen. Ist es die Unsicherheit, die wir alle spüren? Wir wissen nicht, wann der gewohnte Alltag zurückkehrt. Ich erinnere mich an meine Zeit als Krankenschwester. Für viele Patienten hatte sich von heute auf morgen das komplette Leben verändert. Manche wären an den Schicksalsschlägen beinahe zerbrochen. Und doch habe ich ebenso viele Menschen kennengelernt, die unter schlimmsten Schmerzen versucht haben, andere mit einem Scherz aufzuheitern. Das ist nicht jedem von uns gegeben. Wir können jedoch in unserem Alltag immer wieder den Blick auf das halbvolle anstatt auf das halbleere Glas lenken. Denn dieses Gefühl tut uns gut und stärkt uns. 

Verbundenheit erleben

Sich mit Menschen verbunden fühlen, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Diese Verbundenheit erlebe ich in diesen seltsamen Zeiten sehr intensiv. Gefühlt rückt man näher zusammen, auch wenn die wahre Entfernung oftmals sehr groß ist. Zwischen mir und dem Rest meiner Familie liegen mehrere Autostunden und Landesgrenzen. Meine Freunde sind in der Welt verteilt. Ich bin so dankbar für die technischen Kommunikationsmöglichkeiten. Ich liebe es noch heute, Post, also einen Brief, nicht nur Rechnungen, zu bekommen. Auch verabrede ich mich lieber im realen Leben. Doch gerade jetzt während der Ausgangssperre bin ich unendlich dankbar, mit meiner Familie täglich in Kontakt sein zu können. Wie hat die Generation unserer Großeltern das ertragen, wenn die Söhne, Brüder und Ehemänner in den Krieg ziehen mussten? Sie mussten wochenlang auf Nachricht warten. Auch heute gibt es diese Kriege, nicht nur den Krieg gegen Corona, wie der französische Präsident die Krise benennt. Ich bin unendlich dankbar, dass ich eine Ausgangssperre erlebe, die dem Schutz von älteren Menschen und Risikopatienten dient und nicht aufgrund eines realen Kriegszustandes erhoben wurde. Eine mögliche Ausgangssperre in Deutschland ist keine Katastrophe. Es kommt auf die innere Einstellung an. Auch wenn man vielleicht als Regierung anders handeln würde oder gehandelt hätte, es macht den Alltag leichter, wenn man die Situation annimmt und das beste daraus macht. 

Ich möchte einen lieben Freund, Juan Petry, abschließend zitieren: 

 

„Wir sollten die kleinen Dinge genießen, die oftmals ziemlich fehlerhaft sind, wie leckeres Essen. Wir sollten mit unseren Kindern kochen und den Geschmack der Natur entdecken. Lass dich von der Liebe und und nicht von der Furcht treiben und teile dies mit der neuen Generation. Jetzt erkennen wir, wie großartig es ist, Solidarität und Freizügigkeit genießen. Wir sollten uns in #postcoronatime daran erinnern…“

 

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