Ausgangssperre in Versailles - Tag 5

Mein Schweinehund bellt laut

Schon wieder beginne beginne ich mit eigentlich. Eigentlich wollte ich am Wochenende mit dem Schreiben pausieren. Eigentlich. Doch das Leben ist in Bewegung und so folge ich dieser. Es gut und wichtig Ziele zu haben oder auch bestimmte Vorstellungen. Doch meiner Meinung nach sind diese nicht in Stein gemeißelt. Ich bin ganz ehrlich. Ich freue mich über das Feedback meiner Leserinnen und Leser. Aus diesem Grund gibt es heute, trotz anderem Entschluss, eine Samstagsausgabe meiner Gedanken aus Versailles.

Heute morgen sind wir zum ersten Mal seit den Vorsichtsmaßnahmen der französischen Regierung ohne Sonnenschein aufgewacht. Was hat das mit mir gemacht? Ich habe die Frühlingssonne vermisst. Das Leben mit Sonnenschein fühlt sich für mich leichter an. Doch was wäre, wenn ich immer Sonne erleben würde? Könnte ich sie dann noch genießen? Ich entschied mich trotz gefühltem Wintereinbruch, zum Joggen zu gehen. Mein innerer Schweinehund bellte ganz laut: Hey, Susann! Es ist kalt und stürmisch da draußen. Lass es uns gemütlich machen.“ Wie recht er doch hatte. Einerseits. Andererseits kann ich mich auch gut daran erinnern, wie gut es sich anfühlt, wenn man mit roten Bäckchen von der kalten Luft und  frischem Sauerstoff im Blut unter der warmen Dusche nach dem Joggen steht. Ich habe mit meinem Schweinehund „gesprochen“, denn er hasst es, wenn ich ihn ignoriere. Und so haben wir uns auf eine entspannte Bewegungseinheit mit anschließendem Gemütlich-machen geeinigt. Die Straßen waren heute fast menschenleer. Viele heruntergelassene Jalousien lassen vermuten, dass viele Menschen nicht in Versailles sind. Sind sie bei ihren Familien auf dem Land? Die Stadt wirkt heute grau, trotz Blumenrabatten und Werbeschilder. Ich konzentriere mich auf die Blütenpracht und meine langsamen Schritte. In außergewöhnlichen Zeiten wie diesen ist es wichtig, sich nicht zu überfordern, seelisch und körperlich. 

Zur Ruhe kommen

Zur Ruhe kommen. Die Ausgangssperre verändert unser Leben hier in Versailles. Normalerweise haben wir ein Angebot vielfältiger kultureller Möglichkeiten. Manches Mal fühlte ich mich mit dieser Vielfalt schon überfordert. Doch was machen jetzt all die Künstler, die keinem großen Ensemble angehören? Wie lange können sie diese außergewöhnlichen Zeiten existenziell überleben?

Fragen über Fragen, auch heute. Ich hoffe jedoch, dass es Antworten geben wird. 

In jeder Krise liegt auch eine Chance. Das höre ich oft. Vielleicht ist es wie mit den Jahreszeiten: nach Winter kommt immer der Frühling und dann Sommer. 

Ich beobachte in unserer Familie eine Art von zur Ruhe kommen: ein Teil der Erwachsenen liest ein Buch. Zuerst traue ich meinen Augen nicht. Doch es ist wahr. Ich zeige meine Begeisterung darüber und erhalte folgende Antwort: "Normalerweise habe ich keine Zeit."  Und ich antworte: "Wir haben jeden Tag gleichviel Zeit: 24 Stunden."  Auch mir geht es so. Gefühlt habe ich nur im Urlaub Zeit zum Lesen. Doch vielleicht ist das auch nur ein Gefühl? Können wir nicht alle in unserer Freizeit bestimmen, wofür wir uns Zeit nehmen? 

Internationale Verbundenheit

Unglaublich, aber wahr. Punkt 20 Uhr wird auch in Versailles geklatscht. Ich kann es kaum glauben. Warum? Weil man hier sehr viel distanzierter ist. Die Pariser sagen, in Versailles lebt man zugeknöpft. Macht das einen Unterschied? Nein, die Menschen sind berührt. Ich sehe im Dunkeln auf dem Balkon stehend, Nachbarn, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Und ich habe Tränen in den Augen. Wieder einmal sind es Tränen des Berührt- seins.

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