Mein Leben in Versailles und Rheinbach

Heute ist der Tag des Berliner Mauerfalles. Der 9. November 1989 war ein historisches Ereignis, welches für mich noch heute an ein Wunder grenzt. An diesem Tag stehe ich auf einer Brücke, die Deutschland und die Niederlande verbindet. Früher gab es hier noch eine Grenze mit Zollhäuschen. Wie schön ist es doch, wenn Grenzen verschwinden. In der Gemeinde Selfkant wohnen Menschen mit niederländischen und deutschen Wurzeln, als Nachbarn selbstverständlich nebeneinander. So ein Miteinander wünsche ich mir für Europa und die ganze Welt.

Lockdown in Rheinbach

Die meisten Leser*innen folgen mir aus Deutschland. „Mein Leben in Versailles“ hat einen Hauch von Abenteuer. Versailles ist seit einer Woche weit weg. Wir haben das große Glück, den Lockdown diesmal in Rheinbach zu erleben. Wir konnten “fliehen“. Genauso hat es sich angefühlt. Wir fuhren, wie viele andere aus der Stadt, aus dem Ballungsgebiet und kamen kaum voran. In Belgien angekommen, erwartete uns eine gespenstische Ruhe. Kaum ein Auto war unterwegs. Polaritäten life erlebt. Unglaublich, was man emotional aushalten kann. Wir waren auf einer luxuriösen „Flucht“. Unser Auto war vollgepackt mit dem Wichtigsten für vier Wochen und uns hat in Rheinbach Luxus erwartet. Ein Reihenendhaus mit kleinem Garten, der riesig wirkte im Vergleich zu unserem Balkon in Frankreich. Es kommt wirklich auf die Betrachtungsweise an. Sehe ich das Glas voll oder leer, ich habe immer Recht. Doch wie fühle ich mich besser? Das bleibt jedem selbst überlassen. Ich freue mich über das halbvolle Glas. Lockdown in Rheinbach ist für mich kein Lockdown, wie ich ihn erlebt habe und wie es derzeit in Frankreich ist. Ich kann mich frei bewegen - das ist das größte Geschenk. Kein Wald oder Park ist abgezäunt. Ich atme diese Freiheit und bin dankbar und demütig zugleich. Ich gehöre zu den weltweit privilegierten Menschen. Einfach so, weil ich in Deutschland geboren wurde. Ich hatte Glück. 

Die Kraft der kleinen Schritte

Gefühlt ist für mich die ganze Welt in Aufruhr. Überall brodelt es. Voller Spannung haben auch wir die Wahlen in Amerika verfolgt und atmen durch. Ein wichtiger Meilenstein ist geschafft. Es wird einen neuen Präsidenten geben. Wie es genau weitergehen wird, was kommt, bleibt ungewiss. Doch es wird eine Veränderung geben. Das ist gewiss. Wir alle erleben eine Zeit, die in die Geschichtsbücher eingehen wird. Um uns herum ist nichts mehr wie es einmal war. Das macht Angst und doch kann man auch versteckte Möglichkeiten entdecken. Oftmals überfordert das uns und wir würden am Liebsten den Kopf in den Sand stecken. Mir hilft es, sich Miniziele zu stecken und diese zu würdigen. Ich erinnere mich an die Aussage eines Therapeuten. Zu ihm kam eine Patientin mit einer Tüte Plastikgeschirr. Er fragte diese: „Wollen Sie eine Party veranstalten?“ Die Patientin antwortete: „Nein, ich habe keine Geschirr mehr. Ich habe keine Kraft zu spülen.“ Darauf antwortete der Therapeut. „Versuchen Sie jeden Tag, eine Gabel oder einen Löffel zu spülen.“ Die depressiv kranke Frau kam nach einer Woche in die Praxis zurück: „ Ich habe es geschafft. Ich habe mit einem Löffel begonnen und bin so weiter vorbeigegangen. Jetzt habe ich wieder sauberes Geschirr.“

Auch mir erscheint manchmal der Berg der zu erfüllenden Aufgaben wie ein Mont Everest, erschlagend und unbezwingbar. Und doch ist das nur in meinem Kopf so. Gerade in Veränderungsprozessen ist es wichtig, kleine Schritte zu gehen und diese zu würdigen, um in seiner Kraft zu bleiben.

Vielleicht stehst auch du vor persönlichen Veränderungen? Achte gut auf deine Gedanken und gönne dir kleine Atempausen. So erkennst du die vielen kleinen Schritte, die du bereits gegangen bist. Sei ruhig auch einmal stolz auf dich. Eigenlob stinkt nicht, sondern stärkt.

 

Ganz liebe Grüße, Deine Susann

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