Die Flutkatastrophe und Trauma

Die Katastrophen scheinen nicht abzubrechen. Das Erdbeben auf Haiti und die Einnahme der Stadt Kabul durch die Taliban - das sind Katastrophen, die weit weg sind. Wir hören davon über die Medien. Sie machen betroffen und doch sind diese Katastrophen weit weg. Die Umweltkatastrophe von vor 6 Wochen war dagegen direkt vor der Haustür. Auch in Rheinbach forderte die Schlammflut Todesopfer. Das Ausmaß der Zerstörung in den betroffenen Regionen ist unbeschreiblich. Kein Foto, kein Video, keine Erzählung gibt das wieder, was die Menschen erlebt haben und womit sie sich seit jener Unwetternacht jeden Tag auseinandersetzen müssen. Die Einen beklagen den Tod von Angehörigen, andere haben ihr zu Hause und die komplette Existenz verloren. Viele Menschen können nicht zurück in ihr zu Hause, weil dieses erst einmal wieder instand gesetzt werden muss oder nicht mehr bewohnbar ist. Viele Ältere wollen aus Angst vor einer erneuten Flut niemals zurück in die Heimat. Schicksale, die unfassbar sind und die Seelen verletzt haben. Genauso unbeschreiblich ist andererseits die Hilfsbereitschaft der freiwilligen Helfer*innen. Nachbarn*innen  halfen und helfen sich gegenseitig. Helfer*innen aus ganz Deutschland reisten an, um im Chaos zu unterstützen. Die Spendenbereitschaft ist immens. Das gibt Hoffnung in dieser für viele hoffnungslosen oder auch kräftezerrenden Situation, und doch haben viele Angst, dass die Hilfsbereitschaft nachlassen wird und diese Last drückt zusätzlich auf die angeschlagene psychische Verfassung.

 

Gefühle fahren Achterbahn

Wie hatte ich diese Schicksalsmacht erlebt? Ich war in Sittard in Sicherheit.  Doch der Starkregen hinterließ auch in den Niederlanden seine Spuren. Die Stadt Valkenburg und Teile von Maastricht wurden evakuiert. Die Zerstörung ist auch hier erheblich.

Ich begriff erst, was in Rheinbach passierte, als unser Sohn, der sich mit Freunden in Köln treffen wollte, platschnaß gegen 22 Uhr in der Tür stand. Ich schaute  ihn an wie einen Geist, denn ich dachte, er wäre in Köln. Er erzählte uns dann, wie es auf den Straßen aussah und von seinem  Freund, der auf dem Weg nach Rheinbach war,  weil der Keller der Eltern mit Wasser vollgelaufen war. Blitzartig griff ich zum Handy und versuchte unsere jüngste Tochter anzurufen. Ich wollte wissen, ob bei ihr alle ok sei. Es gab, wie bei so vielen in dieser Nacht und bei einigen noch tagelang, keine Verbindung. Ich versuchte auch vergeblich, meine Eltern zu erreichen. Die Anspannung wuchs. In solchen Situationen hilft mir, dass ich die Übungen in mentaler Stärke nicht nur lehre, sondern selbst regelmäßig praktiziere. Ich beruhigte mich. Mit dieser Ungewissheit umzugehen, kostete Kraft. Dann, gegen 2 Uhr morgens klingelte mein Handy: " Mama mir geht es gut. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist."

Diese Worte hatten eine gewaltige Wirkung. Ich heulte vor Erleichterung und Dankbarkeit. Wir fassten uns kurz, denn die Vermutung lag nahe, dass die Verbindung nicht lang halten würde, was sich bestätigte. 

Am Liebsten hätte ich mich sofort ins Auto gesetzt und wäre losgefahren. Wir verfolgten die Nachrichten und hielten uns daran, erst am Samstag loszufahren. Vorher in die Krisenregion zu fahren war nicht möglich. Ich war aufgewühlt, wusste ich doch nicht wirklich, was mich erwartete. Es war gespenstisch. Wir fuhren durch Meckenheim und dann weiter Richtung Rheinbach. Es war kaum etwas zu sehen von der Katastrophe. Wir bogen in unser Wohngebiet ein und nahmen plötzlich Berge von Müll wahr. Überall waren Nachbarn*innen beschäftigt, gleich Ameisen in einem Ameisenhaufen, mit Aufräumarbeiten. Mein Herz schlug immer schneller, denn ich hatte den Augenblick, unsere Tochter in den Arm zu schließen, so herbeigesehnt. Ich sah sie endlich, blass und lebendig. Ich hielt sie in den Armen und weinte schluchzend Tränen einer Mutter, die unendlich dankbar ist, dass das Kind unversehrt geblieben ist und gleichzeitig waren es auch Tränen des Mitgefühls. Vom Verstand weiß ich, dass unser Leben begrenzt ist und doch wurde mir in diesem Moment die Begrenzung sehr deutlich. Ich konnte mein Geschenk in den Armen halten, unsere Tochter, die ganz allein im Haus die schreckliche Nacht von Mittwoch auf Donnerstag verbracht hatte. So viele Menschen können das nicht. Was beliebt Ihnen? Fassungslosigkeit, Schmerz und ein zerstörtes Leben. Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf. Alles hätte auch bei uns anders kommen können. Ich wollte sie nicht loslassen. 

Wir begrüßten nach und nach alle Nachbarn*innen und hörten vom Ausmaß. Wahre Geschichten einer Naturkatastrophe in einem Gebiet in dem man niemals mit einer Überflutung gerechnet hätte. Rheinbach gilt als Sonnenloch und es hat eher mit Trockenheit zu kämpfen hat. Hier gibt es keinen Fluß, nur kleine Bäche, die zu einem Fluß mutierten. Die Wassermengen bahnten sich vom Feld kommend ihren Platz durch die Stadt und hinterließen Spuren der Verwüstung. Noch immer lag zu diesem Zeitpunkt die Angst in der Luft, dass der Damm der Steinbachtalsperre brechen könnte. Umliegende Ortschaften waren schon evakuiert. Was half in dieser Situation? Zuhören und voller Mitgefühl sich einfach mal in die Arme nehmen, trotz Corona. 

Wir fuhren dann weiter zu meinen Eltern. Wieder gab es Szenen des Glücks. Die Eltern waren unversehrt. Mein Vater war bei dem Versuch im Keller etwas zu retten zweimal gestürzt . Er hatte wohl mehrere Schutzengel. Es gab viel zu tun. Zum Glück war nur Wasser im Keller und nochmals DANKE an meine Cousine und Ihren Mann. Sie kamen extra aus Solingen,  um zu helfen. Auch möchte ich mich bei meinen Freundinnen bedanken, die nach meinen Eltern schauten, als ich sie noch immer am Freitag nicht erreichen konnte. Die SMS: "Ich sitze bei deinen Eltern auf dem Sofa." war ein Geschenk. Danke hierfür:)

Umgang mit Trauma

Wie Menschen solche Notsituationen verarbeiten, ist unterschiedlich. Die extreme Stresssituation ruft Gefühle von Angst, Panik und Entsetzen hervor. Viele kämpften in der Nacht vom 14. Juli 2021 um Ihr Leben. Andere reagierten mit Erstarrung, waren handlungsunfähig. Sobald wir eine Situation als Gefahr bewerten, reagieren wir darauf mit Kampf, Flucht oder Erstarrung. Das ist ein wichtiger Überlebensmechanismus. Eine Naturkatastrophe, wie in jener Nacht, ist eine extreme Stresssituation, ein traumatisierendes Ereignis.

Ein Trauma ist keine psychische Krankheit. Es eine seelische Verletzung und vergleichbar mit einem Unfall bei dem körperliche Wunden versorgt werden, wie z. Bsp. ein gebrochenes Bein. 

Quelle: https://www.deutsche-traumastiftung.de/traumata/

Es gibt verschieden Behandlungsmethoden und alle haben das Ziel, das Bein bestmöglich wiederherzustellen. Seelische Verletzungen heilen unterschiedlich und jeder Mensch geht anders mit Belastungen um. So zieht sich der Eine lieber zurück, andere reden über das Geschehene. Manche können nicht aufhören, Dinge zu erledigen, andere sind erschöpft und viele sogar hilflos. Jedes Nervensystem reagiert anders und das Wichtigste ist, dass Betroffene wieder ein Gefühl der Sicherheit zurückbekommen. Das wiederum klingt fast zynisch im Wissen darum, dass Menschen noch im Zelt übernachten, bei Freunden untergebracht sind oder ein Übergangszuhause suchen. Hier braucht es Mitgefühl und Geduld im Miteinander. Eine Rückkehr zu einem neuen Alltag ist ein winziger Schritt in Richtung Aufarbeitung. Selbstfürsorge ist essentiell, um innerlich zur Ruhe zu kommen und handlungsfähig zu bleiben. Für manche Eltern ist es befremdlich, wenn Kinder das Geschehene nachspielen. Doch das ist eine Form der Verarbeitung.

Falls man jedoch unsicher im Umgang mit seinen Lieben ist, kann manchmal schon eine einmalige Sitzung bei einem Profi helfen. Es braucht nicht immer eine Therapie. Allein wenn Betroffene wissen, was ein Trauma ist und welche Symptome auf eine posttraumatische Belastungsstörung hinweisen, kann das innerlich mehr Ruhe und Sicherheit geben. Man nennt das Psychoeducation. Es gibt viele tolle Unterstützungsangebote. Am 16 August 2021 habe ich im Livestream das 1. Traumaforum zur Hochwasserkatastrophe 2021 mitverfolgt. Die Aufzeichnung kann man bei YouTube anschauen, wenn man mehr zum Thema wissen möchte:

https://www.youtube.com/watch?v=j8Dr595JSJY

Auf ein Angebot von Kati Bohnet möchte ich an dieser Stelle hinweisen. Sie zeigt in einem Video S-O-S- Übungen, die einfach und spielerisch die Stressregulation unterstützen und somit das Nervensystem beruhigen.  Das Video findest du hier: 

 https://helperscircle.de/anmeldung-fuer-video-und-audiodatei/

Es gibt viele gute und kostenfreie Angebote für Flutopfer. Auch ich bin in einem Netzwerk, welches Positive Psychologie Coaching für Betroffene anbietet. Verteile diese Informationen gern. Den Flyer hierzu findest du hier:

www.worklifetime.de/hilfe für Flutopfer

Unterstützung anzunehmen, fällt nicht allen Flutopfern leicht und doch kann diese unglaublich erleichternd sein. Es braucht Mut und doch wünsche ich mir, dass es in Zukunft etwas Normales ist, wenn seelische Verletzungen professionell betreut werden.

 

Ich wünsche dir und deinen Lieben einen gelungenen Wochenstart, denn schon wieder einmal ist Montag. Behandle dich wie ein Juwel, denn du bist einzigartig.

Wie schön, dass es dich gibt.

 

Herzliche Grüße aus Sittard von deiner Susann

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